Und führe uns nicht in Versuchung! Gedanken von Pastor Ulrich Tomm

Liebe Mitglieder und Freunde unserer Kirchengemeinden im Pfarrsprengel Hohenselchow,

die angekündigten Gottesdienste im Advent und am Heiligen Abend abzusagen, habe ich schweren Herzens allein entschieden. Damit habe ich auch viele von Ihnen und Euch enttäuscht, manche auch so sehr verärgert, die sich abwenden werden.

Und führe mich nicht in Versuchung! Einen Gottesdienst zu veranstalten, ist das gut oder böse? Ist es verführerischer, als Pastor von denjenigen gemocht zu werden, denen ich in entbehrungsreichen Zeiten wenigstens Gemeinschaft im Gottesdienst am Heiligen Abend biete, oder von denjenigen gemocht zu werden, die an die Wirkung vom Vermeiden aller möglichen Kontakte glauben, um dem Coronavirus keine Übertragungsmöglichkeit zu bieten?

Das Risiko, wenn ich in Zeiten einer lebensgefährlichen, hochansteckenden Seuche Menschen einlade, sich zu versammeln, trage ich allerdings allein. Wenn sich Menschen bei einem Gottesdienst mit dem Virus anstecken, droht mir persönlich allein eine hohe Geldstrafe bis 10.000 Euro, weil ich die Einhaltung einer der Hygiene-Verordnungen nicht genügend überwachte. Außerdem kann ich verklagt werden wegen fahrlässiger Körperverletzung oder sogar Tötung, wenn eine Infektion nachweislich auf einen Gottesdienst zurückzuführen ist, der von mir veranstaltet wurde. Viel schlimmer wäre aber, dass ich mit dem Gottesdienst die Voraussetzungen dafür geschaffen habe, dass Leid über einen Menschen kommt. Das Schuldgefühl, eine Infektion ermöglicht zu haben, oder gar eine Infektionskette in Gang gesetzt zu haben, würde ich mir nie verzeihen. Was dann? Kommt dann ein Frommer: Der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen, gelobet sei der Herr? Das kommt einem leicht über die Lippen, wenn man selber nicht vom Leid betroffen ist.

Bin ich überängstlich? Kusche ich vor den Beschwörungen der Politikerinnen und Virologen: „Vermeidet zwischenmenschliche Kontakte!“? Fehlt mir Gottvertrauen? Ich ermutige doch sonst Menschen gern dazu: Wer wagt, gewinnt! Bin ich etwa feige geworden?

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die behaupten, genau zu wissen, wo und wie Gott wirkt, und wo nicht. Auch als Pastor nicht. Vielleicht muss ich mir in einem Jahr am Ende meiner 33-jährigen Dienstzeit eingestehen: Ulrich Tomm, du hast dich von deiner Angst in Versuchung führen lassen. Dass du die Gottesdienste zum wichtigsten Fest der Christen eigenmächtig abgesagt hast, deine Schäfchen im Stich gelassen hast, ist dein schlimmster Fehler und überschattet alles, was dir zuvor mit der Gemeinde geglückt ist.

Im Frühling schafften wir es gemeinsam, durch dramatisches Verringern unserer persönlichen zwischenmenschlichen Kontakte die erste Corona-Infektionswelle zu bändigen. Wir erlangten die Kontrolle über ein tödliches und krankmachendes Virus, das in anderen Ländern hunderttausende Tote und Menschen hinterlässt, die lebenslang schwer gezeichnet bleiben. Vor einem halben Jahr ließen wir Geistlichen uns davon überzeugen, Gottesdienste NICHT zu feiern, kann dem Ziel, die grassierende Seuche einzudämmen mehr dienen, als in Gottesdiensten unsere Angst vor Gott zu bringen und ihn um Trost bitten. Uns blieb auch nichts anderes übrig, weil Feiern verboten war, also fühlten wir uns auch nicht dazu in Versuchung geführt.

Nun, inmitten der 2. Infektionswelle verbietet der Staat schon wieder jegliche Veranstaltungen. Gottesdienste werden nur deswegen nicht verboten, weil sie nach dem Grundgesetz besonders schützenswürdig sind und die Religionsausübung zur Daseinsvorsorge gehört. Trotzdem bleiben sie aber genauso gefährlich für Infektionsübertragungen wie Konzerte, Weihnachtsmärkte und Theaterbesuche. Denn das Aerosol unseres Atemhauches, mit Coronaviren belastet, kann in kühler, feuchter Luft bis zu 10 Meter zurücklegen und sich über eine Stunde und länger in einem geschlossenen Raum halten, sich aber auch draussen unter freiem Himmel über viele Meter verbreiten und über Nase, Mund oder den Tränen-Nasenkanal in einen Menschen eindringen. Gaukeln wir in Gottesdiensten den Teilnehmenden etwa vor, wir seien doch „unter uns“, obwohl jede und jeder von uns ein ständiges Glied in einer Beziehungskette zu anderen Menschen ist?

Diene ich Gott mit einem Gottesdienst, während sich die Seuche ausbreitet? Wir Christen lassen uns vom Staat nicht vorschreiben, ob wir uns versammeln, wo wir doch aus Gottvertrauen heraus leben. Oder führt mich in Wahrheit der Seuchenteufel in Versuchung, wenn ich dem Coronavirus im Gottesdienst neue Wirte zuführe, mir arglos Vertrauende, die das Virus infiziert? Mach ich dem Bösen im Gottesdienst das Angebot zur Weiterverbreitung? Zehntausende sind in den USA, in Italien und Brasilien nach Infektionen in Gottesdiensten verstorben und noch viel mehr werden nach ihrer dortigen Coronainfektion nicht wieder gesund.

Ist es demokratisch, Gottesdienste zu veranstalten, weil es die Mehrheit der Gemeindeglieder wünscht, gegen die demokratische Mehrheit der Menschen in unserem Lande, die aus Einsicht und Vernunft und wegen gesetzlicher Verordnung direkte persönliche Kontakte unter großen Opfern soweit wie möglich vermeiden?

Ich frage mich: Kommt Christus zu uns im Mut, sich dem Rat von Virologen und Politikerinnen anzuschließen, dazu beizutragen, persönliche Kontakte mit anderen Menschen zu vermeiden? Kann es nicht auch selbstherrlich, blindgläubig und ungehorsam sein, den Erkenntnissen menschlicher Vernunft, in der sich auch Gott erweisen kann, zu trotzen und auf dem Höhepunkt der 2. Corona-Infektionswelle Gottesdienste zu feiern, die nicht unvermeidbar sind wie Trauerfeiern? Menschen in Versuchung zu führen, gegen die Vernunft ihre Sehnsucht nach Nähe und Kontakt mit anderen zu stillen, und wir Geistlichen damit  den heimtückischen Viren neue Wirte zuführen, auf die sie überspringen, sich in ihnen ausbreiten und ihre Gesundheit zerstören? „Dein Wille geschehe“, Gott, wenn in der persönlichen Begegnung mit einem anderen Menschen ein möglicherweise tödlicher Feind lauert, sich wie die Feuer in Kalifornien ausbreitet und Geschäfte und die Wirtschaft in absehbarer Zeit daran zugrunde gehen?

Wir Geistlichen predigen, Gottes Sohn wird am Heiligen Abend in die Welt hineingeboren, in Dunkelheit, Kälte und Trauer, um den Menschen, seinen Kindern nahe zu sein. Stehen wir  den vielen Tausenden bei, den schwer am Virus Erkranken, den Sterbenden persönlich zur Seite und halten ihr Leid mit aus? Oder überlassen wir sie den verzweifelten Pflegenden in den Familien, in Heimen und Krankenhäusern? Wie lassen wir jene, deren wirtschaftliche Existenz durch die Seuche ruiniert wird, spüren, dass im Kind von Bethlehem die Welt erlöst wird? Vielleicht besser durch Teilen unseres Einkommens mit ihnen anstatt Gottesdienste zu feiern?

 

Und führe mich nicht in Versuchung! Ich habe als leitender Notfallseelsorger in Schleswig-Holstein mit dem Rettungsdienst, Notärzten und Pflegepersonal TRIAGE bei einer Katastrophenübung trainiert. Wenn mehr schwer Kranke und Verletzte anfallen, als behandelt werden können, werden die Betroffenen ambulant in 3 Gruppen aufgeteilt: die noch abwarten müssen, die sofort behandelt werden, und diejenigen, die man nicht mehr behandeln wird. Bei der ersten Corona-Welle in Norditalien, in Schweden und Großbritannien war das bereits so: auch bei uns in Deutschland wurden manche Infizierte, meistens Heimbewohner nicht mehr auf die Intensivstation gebracht. Das Pflegeheim als Todesfalle. Als psychosoziale Fachkraft entschied ich zusammen mit den Notärzten: dieser Mensch geht zur medizinischen Behandlung auf die Intensivstation, der wird hier nur noch mit Morphium versorgt, zum Sterben. Und führe uns nicht in Versuchung, Gott „spielen“ zu müssen.

Wenn nicht alle dazu beitragen, persönliche Kontakte zwischen Menschen zu vermeiden, wo immer auch möglich, dann sind wir Anfang 2021 auch in Deutschland da, dass mit coronainfizierte Menschen, bevorzugt in Pflegeheimen, nicht mehr behandelt werden, weil auf den Intensivstationen Jüngere liegen, welche mit weniger Vorerkrankungen, mit besseren Beziehungen und ergiebigerer Krankenversicherung, Patienten, die populärer sind oder System-„relevanter“ als Alte und sowieso schon Pflegebedürftige.

Wir bürden damit den Kräften in den Einsatzleitstellen, den Rettungskräften, den Ärztinnen und Pflegekräften auf den Intensivstationen Entscheidungen auf, nämlich die Selektion von Menschen, die Auswahl, ob noch behandlungswürdig oder nicht mehr, weil wir nicht alles dafür getan haben, Infektionen durch nicht unbedingt notwendige zwischenmenschliche Kontakte zu vermeiden. Ich möchte, dass niemand in unserem Land und sonst wo auf der Welt in diese Lage gerät, die ich Gott sei Dank nur in einem Rollenspiel eingenommen habe. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.